Von
Andrea Buchmann

Passau. Temelin ist zum Synonym einer nuklearen Bedrohung geworden. In Bayern, wo viele Bürger um ihre Sicherheit fürchten, ist es jedoch nicht einmal möglich, die Bevölkerung bei einem Störfall flächendeckend über Sirenen zu warnen.

Das ist ein Skandal", sagt Otto Leibenger. Der Ingenieur aus Eggenfelden ist Fachmann: Er beschäftigt sich beruflich mit Katastrophenschutzanlagen. "Muss denn erst etwas passieren, dass die Verantwortlichen die Notwendigkeit eines flächendeckenden Warnsystems erkennen?", schreibt er in einem Brief an Innenminister Beckstein.
Sirenen, die die Bevölkerung alarmieren, sind nämlich nicht vorgeschrieben: Mit dem Ende des Kalten Krieges waren die zuständigen Behörden überzeugt, dass die Zivilschutzwarnung nicht mehr notwendig ist. Die für den Luftschutz gedachten Sirenen verloren ihre Bedeutung. 1993 ist der Bund schließlich als Betreiber der Warnsysteme ausgestiegen.
"Das ist jetzt eine rein gemeindliche Aufgabe", sagt Michael Ziegler, Pressesprecher am bayerischen Innenministerium. Das heißt, eine Gemeinde oder eine Stadt entscheidet selber, ob sie Warnanlagen betreibt - und finanziert.

Im Ernstfall übernehmen Rundfunk und Fernsehen die Aufgabe der Sirenen. "Aber wer hört nachts schon Radio", kritisiert Leibenger.
Die Stadt Augsburg beispielsweise baute ihre Sirenen ab - und hatte beim Pfingsthochwasser 1999 keine Möglichkeit, die Bewohner rechtzeitig zu alarmieren. Die Betroffenen wurden vom Hochwasser im Schlaf regelrecht überrascht.

"In unserem Landkreis sind Feuerwehrsirenen flächendeckend vorhanden", sagt Josef Binder, Leiter der Abteilung Katastrophenschutz am Landratsamt Freyung- Grafenau. Doch das Signal holt nur mehr Feuerwehrleute aus den Federn. "Jeder andere dreht sich im Bett einfach noch mal um", kritisiert Leibenger. Es fehlt ein Heulton, der sich vom Feueralarm deutlich unterscheidet. Um diesen Heulton zu erzeugen, könnten nach Auskunft von Leibenger bestehende Sirenen relativ einfach nachgerüstet werden.

In den letzten Jahren ist mit finanzieller Unterstützung des Freistaats zumindest das Gebiet im Umkreis von 25 Kilometern um die Kernkraftwerke mit diesem Heulton ausgestattet worden. "Über Funk können wir landkreisweit Alarm auslösen", sagt Ernst Eisele, Leiter des Katastrophenschutzes im Landkreis Landshut. Die Atomkraftwerke Isar 1 und 2 bei Wörth gehören zu seinem Zuständigkeitsbereich.
"Über so eine Möglichkeit sollte man sich ernsthaft Gedanken machen", sagt nun auch sein Kollege in Freyung. In anderen Landkreisen findet ebenfalls ein Umdenken statt: "Auch wir haben uns damit bereits auseinandergesetzt", so Verena Schwarz, zuständig für den Katastrophenschutz im Landkreis Passau. Temelin gebe dafür den entscheidenden Anstoß.

©Neue Presse VerlagsGmbH