Von
Andrea Buchmann
Passau. Temelin ist zum Synonym einer nuklearen Bedrohung geworden. In
Bayern, wo viele Bürger um ihre Sicherheit fürchten, ist es jedoch nicht einmal
möglich, die Bevölkerung bei einem Störfall flächendeckend über Sirenen zu warnen.
Das ist ein Skandal", sagt Otto Leibenger. Der Ingenieur aus
Eggenfelden ist Fachmann: Er beschäftigt sich beruflich mit Katastrophenschutzanlagen.
"Muss denn erst etwas passieren, dass die Verantwortlichen die Notwendigkeit eines
flächendeckenden Warnsystems erkennen?", schreibt er in einem Brief an Innenminister
Beckstein.
Im Ernstfall übernehmen Rundfunk und Fernsehen die Aufgabe der Sirenen. "Aber wer
hört nachts schon Radio", kritisiert Leibenger.
"In unserem Landkreis sind Feuerwehrsirenen flächendeckend vorhanden", sagt
Josef Binder, Leiter der Abteilung Katastrophenschutz am Landratsamt Freyung- Grafenau.
Doch das Signal holt nur mehr Feuerwehrleute aus den Federn. "Jeder andere dreht sich
im Bett einfach noch mal um", kritisiert Leibenger. Es fehlt ein Heulton, der sich
vom Feueralarm deutlich unterscheidet. Um diesen Heulton zu erzeugen, könnten nach
Auskunft von Leibenger bestehende Sirenen relativ einfach nachgerüstet werden.
In den letzten Jahren ist mit finanzieller Unterstützung des Freistaats zumindest das
Gebiet im Umkreis von 25 Kilometern um die Kernkraftwerke mit diesem Heulton ausgestattet
worden. "Über Funk können wir landkreisweit Alarm auslösen", sagt Ernst
Eisele, Leiter des Katastrophenschutzes im Landkreis Landshut. Die Atomkraftwerke Isar 1
und 2 bei Wörth gehören zu seinem Zuständigkeitsbereich. ©Neue Presse VerlagsGmbH
Sirenen, die die Bevölkerung alarmieren, sind nämlich nicht vorgeschrieben: Mit dem Ende
des Kalten Krieges waren die zuständigen Behörden überzeugt, dass die
Zivilschutzwarnung nicht mehr notwendig ist. Die für den Luftschutz gedachten Sirenen
verloren ihre Bedeutung. 1993 ist der Bund schließlich als Betreiber der Warnsysteme
ausgestiegen.
"Das ist jetzt eine rein gemeindliche Aufgabe", sagt Michael Ziegler,
Pressesprecher am bayerischen Innenministerium. Das heißt, eine Gemeinde oder eine Stadt
entscheidet selber, ob sie Warnanlagen betreibt - und finanziert.
Die Stadt Augsburg beispielsweise baute ihre Sirenen ab - und hatte beim Pfingsthochwasser
1999 keine Möglichkeit, die Bewohner rechtzeitig zu alarmieren. Die Betroffenen wurden
vom Hochwasser im Schlaf regelrecht überrascht.
"Über so eine Möglichkeit sollte man sich ernsthaft Gedanken machen", sagt nun
auch sein Kollege in Freyung. In anderen Landkreisen findet ebenfalls ein Umdenken statt:
"Auch wir haben uns damit bereits auseinandergesetzt", so Verena Schwarz,
zuständig für den Katastrophenschutz im Landkreis Passau. Temelin gebe dafür den
entscheidenden Anstoß.